Die Zahlen sprechen eine sehr eindeutige Sprache.
Gemäß einer Untersuchung des wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO) hat sich die Zahl der Krankheitstage mit der Diagnose Burnout, von 2004 bis 2010 nahezu verneunfacht. Hochgerechnet auf mehr als 34 Millionen gesetzlich krankenversicherte Beschäftigte, fehlten laut WIdO im Jahr 2010 knapp 100 000 Menschen wegen Burn-outs am Arbeitsplatz. Ich gehe davon aus, dass die Zahlen im Jahr 2011 noch gestiegen sind.
Im Moment habe ich das Gefühl, dass es viel Irritation rund um das Thema gibt. Mal lese ich etwas von Modeerscheinung, dann wieder Burnout sei en vogue.
Das Problem ist, dass es keine einheitliche Definition, keine eindeutige Diagnostik gibt.
Burnout ist ein sehr ernst zunehmender Zustand. Nicht zuletzt, weil in vielen Fällen mit einem Burn-out-Syndrom, eine Depression verbunden ist. Die, bleibt sie unentdeckt, fatale Folgen für Betroffene haben kann.
Burnout scheint einen gesellschaftlich anerkannten Ruf bekommen zu haben. Die Krankheit der Fleissigen. Man könnte den Eindruck gewinnen, dass Burnout zu einem Qualitätsmerkmal wird – FLEISSIG und GUT.
Würde Burnout „schlicht“ Depression heissen, würde sich wohl kaum jemand damit „schmücken“. Denn der Ruf der Depression ist eher niederschmetternd.
Deine Wahrnehmung teile ich – das Thema Burnout hat in den letzten Jahren sehr viel Aufmerksamkeit bekommen, die vielleicht nicht uneingeschränkt förderlich ist.
Ich kenne sehr viele Printmedien, die das Thema Burnout im letzten Jahr als Titelthema publik gemacht haben. „Burnout-Outings“ von Menschen, die im Licht der Öffentlichkeit stehen, haben diese Krankheit noch weiter in den Fokus gebracht und dazu beigetragen, daß eine solche Diagnose inzwischen beinahe schon gesellschaftliche Anerkennung findet.
Die Diskussion erscheint mir oft wie eine Rangelei, bei der an unterschiedlichsten Strängen gezogen wird – von „der hat sie nicht alle, früher haben die Leute auch viel gearbeitet“, über „kein Wunder in dieser Firma/bei diesem Chef/ bei so viel Druck und Stress“ bis hin zu „diese Krankheit gibt es gar nicht“. Als ehemals Betroffene, verfolge ich diese Diskussionen natürlich mit persönlicher Anteilnahme und großem Interesse.
Kürzlich fiel mir auf, daß ich inzwischen selbst nicht mehr davon spreche, daß ich unter Burnout gelitten habe, sondern, daß ich mich wohler fühle in meinem Fall von einer Erschöpfungs-Depression zu sprechen. Zu plakativ ist der Begriff Burnout in meiner Wahrnehmung geworden. Daher stimme ich Dir zu, daß man meinen könnte, Burnout sei ein Erfolgsmerkmal – das Ergebnis aus extrem fleissig, überaus engagiert und erfolgreich.
Aus meiner Sicht führt diese Betrachtung jedoch weit an der eigentlichen Thematik vorbei. Außerdem verharmlost sie eine schmerzhafte Leere der Betroffenen, die für Außenstehende so gut wie nicht nachvollziehbar ist.
Burnout ist einsam, sehr dunkel, es führt dich weg von jedem Gespür für Dich selbst und dem, was Dir Freude bereiten könnte. Die Diskussion um Erfolg und Leistung, ist als Betroffener um so schmerzlicher, denn in meiner Erkrankung fühle mich absolut leistungsunfähig und unsicher, ohne ein Gefühl wie wohl die Zukunft aussehen soll.
Daher stimme ich Dir absolut zu, daß die Bezeichnung Depression dieser Erkrankung mehr gerecht wird. Burnout beschreibt zwar einen Aspekt dessen, wie sich der Betroffene innerlich fühlt – durch den inflationären Gebrauch dieses Wortes besteht jedoch auch die Gefahr, daß die Ernsthaftigkeit dieses Zustands vernebelt wird.